Inhalt
Dokumentation der Fachtagung "Interkulturelle Öffnung in Pflegeeinrichtungen"
Inhalt:
- Einladungsflyer zur Fachtagung. (pdf-Format)
- Einführung in das Thema „Interkulturelle Öffnung“.
- Wissenschaftliche Einbettung der „Interkulturellen Öffnung“.
- Interkulturalität in ihrem geschichtlichen Zusammenhang.
- Ein Blick auf die Biografien der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter.
- Bewusstmachung zukünftiger Bedarfe.
- Verständnis und Ausdruck von „Krankheit“ in anderen Kulturen.
- Außerfamiliale Versorgung von älteren Menschen mit Migrationshintergrund.
- Plädoyer für vernetzte und zielgruppenspezifische Angebote.
- Bedarfe und Interessen im Kontext der Interkulturellen Öffnung – ein Workshop.
- Atmosphärisches – Bilder von der Fachtagung.
- Die Materialien zur Fachtagung im Überblick und weitere Literaturempfehlungen.
Interkulturalität in ihrem geschichtlichen Zusammenhang.
Dr. Nargess Eskandari-Grünberg ergänzt den theoretischen Hintergrund und setzt die Überlegungen mit einem Transfer in die Praxis fort. Zu Beginn skizziert sie die Geschichte der Migration in Deutschland und das kulturell unterschiedliche Verständnis von „Krankheit“, um dann die Frage „Was brauchen Sie für die Interkulturelle Öffnung in Ihrer Institution?“ zur Diskussion zu stellen.
In ihrer historischen Rückschau erinnert Frau Eskandari-Grünberg daran, dass das Thema Migration gar nicht so jung, sondern mittlerweile schon 100 Jahre alt ist. In der Pflege wird „Migration“ dagegen erst seit 50 Jahren zum Thema gemacht.
Ein Blick auf die Biografien der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter.
Frau Eskandari-Grünberg nimmt Bezug auf die Biografien der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, von denen viele zum Zeitpunkt ihrer Anreise eigentlich nur einen Kurzaufenthalt geplant hatten.
Sie wirft die Frage auf, was es für Menschen waren, die damals nach Deutschlang gekommen sind, welcher sozialer Herkunft und in welchem Gesundheitszustand sie die Reise angetreten hatten:
Sie wurden angeworben als Frauen und Männer, die absolut gesund sind, die nicht einmal Karies haben. Es waren auch keine Frauen und Männer aus Städten, sondern vom Land. Die Gastarbeiterinnen und -arbeiter entstammten in weiten Teilen einem unteren Bildungsniveau. Viele von ihnen mussten in Deutschland erleben, dass sie ihre vorgestellten Ziele nicht erreichen konnten. Sie lebten in Baracken und das sogenannte „Fabrikdeutsch“, über das ihre Sprachkenntnisse nicht hinausreichten, stand in direkter Verbindung zur hohen Zahl von Arbeitsunfällen.
Frau Dr. Eskandari-Grünberg fragt vor diesem Hintergrund „Wie haben die Menschen das überlebt?“. Als Psychoanalytikerin weiß sie „Auswanderung“ als eine der höchsten psychischen Belastungen, auf die es selten eine Art „interkulturelle Vorbereitung“ gibt. Eine Antwort auf die Frage ist, dass sich die Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter nur in den eigenen Ethnien bewegt haben, weil sie sich dort heimisch und geborgen fühlten, ihr Heimweh und ihre Sprachdefizite in dieser Umgebung überwinden konnten.
Bewusstmachung zukünftiger Bedarfe.
Den Handlungsbedarf im Sinne einer Interkulturellen Öffnung offenbart Frau Dr. Eskandari-Grünberg anhand der Statistik: 14-16 % der Migrantinnen und Migranten sind aktuell unter 55 Jahre alt und bilden damit die Gruppe der jüngeren Seniorinnen und Senioren. In den kommenden Jahren wird folglich ein weiterer Bedarf an Versorgungsangeboten für ältere Menschen mit Migrationshintergrund auf die Anbieterinnen und Anbieter zukommen. Noch einmal betont Frau Dr. Eskandari-Grünberg an dieser Stelle, dass wir es hier mit Menschen mit einer Gastarbeiter-Biografie zu tun haben.
Verständnis und Ausdruck von „Krankheit“ in anderen Kulturen.
Den Begriff „Migration“ setzt sie in Verbindung mit „kränkend“ und „krank machend“, weil viele Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter ihre vorgestellten Ziele nicht erreichen konnten.
Davon leite sich auch die hohe Rate an psychosomatischen Erkrankungen unter Menschen mit Migrationshintergrund ab.
Die Vorstellung von „Krankheit“ unterscheidet sich insofern von dem deutschen Verständnis, als dass Krankheit als etwas begriffen wird, dass „von außen“ kommt. Entsprechend ist auch die Erwartung an die Behandlung: Auch hier müssen die Mittel „von außen“ kommen.
Das Gleiche gilt für die Bedeutung von „Sauberkeit“. In vielen Kulturen herrscht der Glaube, das Wasser müsse am Körper ablaufen, um reinigende Wirkung zu haben. So empfinden ältere, pflegebedürftige Menschen mit Migrationshintergrund Baden häufig als etwas, das noch schmutziger mache. Ein kutureller Unterschied scheint auch in der Fähigkeit zur Differenzierung über sich selbst zu liegen: Die ärztliche Frage nach der Lokalisierung der Schmerzen wird von Menschen mit Migrationshintergrund nicht selten mit „Alles tut weh!“ beantwortet.
Zusätzlich wird eine andere Ausdrucksweise von Schmerzen benutzt: Die Aussage „Meine Leber tut weh!“ kann nur von jemandem decodiert werden, der weiß, dass von der „Leber“ in manchem Kulturraum ein besonderes anatomisches Verständnis verbreitet ist.
Dort ist die Leber neben der Lunge das volksmedizinisch das am stärksten im Bewusstsein stehende Organ. Sie ist Sitz negativ emotionaler Befindlichkeiten wie Antriebslosigkeit, Niedergeschlagenheit, Vitalitätsverlust und insbesondere Traurigkeit.
Außerfamiliale Versorgung von älteren Menschen mit Migrationshintergrund.
Die Ängste vor dem Einzug ins Pflegeheim wiederum verbinden die Kulturen miteinander: Unabhängig von ihrer Nationalität bedeute er Frustration, „Abgeschoben werden“ und die Aufgabe von Idealen.
Frau Dr. Eskandari-Grünberg gibt zu bedenken, dass in Bezug auf die Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund nach wie vor der Trugschluss herrsche, sie würden ohnehin in ihren Großfamilien versorgt. In der Tat sei dies keine Selbstverständlichkeit mehr. Gleichzeitig fühlen sich Angehörigen mit Migrationshintergrund überfordert und haben Angst vor Gesichtsverlust, wenn bekannt würde, dass sie keine pflegerische Aufgabe für ihre Mutter oder ihren Vater übernehmen. Auch Ihnen muss vermittelt werden, dass sie keine schlechten Menschen sind, wenn sie z.B. ihre Mutter in einer stationären Pflegeeinrichtung lebt.
Plädoyer für vernetzte und zielgruppenspezifische Angebote.
Frau Dr. Eskandari Grünberg plädiert für eine stärkere Verzahnung von kultursensiblen Hilfsangeboten: Das Wissen sei da, aber bislang fehlten strukturelle Veränderungen. Versorgungsangebote der Wohlfahrtsverbände werden von Menschen mit Migrationshintergrund frequentiert, die Regeldienste dabei fast ausschließlich von Deutschen in Anspruch genommen.
Zu einer besseren Erreichbarkeit von Menschen mit Mirgrationshintergrund durch Versorgungsangebote können folgende Faktoren erheblich beitragen:
- Einstellen von muttersprachlichem Personal
- Interkulturalität als Modul in der Pflegeausbildung
- der entsprechende politische Wille
- finanzielle Ressourcen
Nach Erfahrung von Frau Dr. Eskandari-Grünberg arbeiten viele Angebote neben- aber nicht miteinander. Daraus entstünden Doppelstrukturen, die aber nicht funktionieren.
Es brauche nicht noch mehr Projekte und Maßnahmen zur Interkulturellen Öffnung, sondern eine Verzahnung der Einrichtungen und der Politik. Das Prinzip, nach dem jeder Mensch für sich alleine arbeiten will, müsse besonders an dieser Stelle überwunden werden.
Weiterhin sei in der kultursensiblen Pflege immer eine Doppelprofessionalität gefragt – im Sinne einer interkulturellen und einer fachlichen Kompetenz.
Frau Dr. Eskandari-Grünberg überlegt mit den Teilnehmenden, wie bewirkt werden kann, dass Menschen mit Migrationshintergrund selbst aktiv werden bei der Nutzung von Angeboten.
Eine „Komm-Struktur“ kann besonders dann gut etabliert werden, wenn Orte geschaffen werden, wo sich Menschen begegnen können. Dort können sie den Blick weglenken von Differenzen und sich vielmehr auf die Suche nach Ähnlichkeiten machen. So können innere Barrieren und Ängste vor dem Fremden geöffnet werden.
Der ganze Vortrag „Vielfalt der Kulturen in der Pflege“ als pdf zum Download.



