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Pflege von türkischen Muslimen.
ein Vortrag von Sertac Bilgin, Leitung MKS-Medical.
“Was ist Kultur in der Pflege?” stellte Sertac Bilgin seine Leitfrage vor. Es gebe zwar zahlreiche Literatur zum Thema, im Grunde sei die Umsetzung von Kultursensibler Pflege aber ganz einfach. Es seien einfache Grundsätze, die es einzuhalten gelte, um das Vertrauen einer pflegenden Familie türkischer Abstammung zu gewinnen.
Zur Veranschaulichung dieser Grundsätze nannte Bilgin mehrere praktische Beispiele:
Betreten der Wohnung
In islamischen Familien werden die Gebete innerhalb der Wohnung gehalten, deshalb haben Reinheit und Sauberkeit einen hohen Stellenwert. Neben dem Gebot der Höflichkeit ist es fast schon eine vertrauensbildende Maßnahme, wenn eine ambulante Pflegekraft beim Betreten der Wohnung direkt die Schuhe auszuzieht.
Wer begrüßt wen wann?
Als weibliche Pflegekraft begrüßt man die Hausherrin zuerst. Anschließend wird der Hausherr begrüßt, allerdings ohne ihm proaktiv die Hand entgegenzustrecken.
Angebot von Getränken
Es ist unbedingt davon abzuraten, das Angebot eines Tees oder anderen Getränks abzulehnen. Dies kann als persönliche Ablehnung und Distanzierung verstanden werden.
Die Anamnese
Erfahrungsgemäß stellen Familien türkischer Abstammung die Geschichte ihres zu pflegenden Angehörigen bzw. dieser selbst alle Ereignisse von der Geburt bis dato dar. Wo eigentlich 30-45 Minuten für die Anamnese im Rahmen eines Erstbesuchs vorgesehen sind, nehmen die Schilderungen unter zwei Stunden in aller Regel kein Ende.
Körperkontakt
In der türkischen Kultur ist es üblich, dass ein Mann mit einer Frau während eines Gesprächs Körperkontakt hält, z.B. durch Berühren am Rücken oder am Arm. Das unterstützt in diesem Verständnis das gesprochene Wort und gilt als Ausdruck non-verbaler Kommunikation.
Schmerzäußerung
Die Frage “Was tut Ihnen denn weh?” wird von älteren Menschen türkischer Abstammung häufig mit “Mein ganzer Körper tut weh!” beantwortet. Dabei geht es zunächst darum, ein Fürsorgeverhalten beim Gegenüber zu bewirken. Um die Schmerzzone zu finden, kann es hilfreich sein, ganz konkret die Körperteile abzufragen und dabei Körperkontakt herzustellen.
Notizen
Es kann negativ interpretiert werden, sich als ambulante Pflegekraft während der Erzählung der Patientin oder des Patienten Notizen zu machen. Häufig wird dann in Frage gestellt, ob die Pflegekraft überhaupt zuhöre.
Pflegeraster
Bei der Pflege einer türkischen Dame ist ein bestimmtes Pflegeraster einzuhalten. Hilfreich ist die Orientierung an den Fragen “Wo fange ich an?” und “Wer ist bei der Pflege dabei?”. Für eine türkische Frau ist es z.B. inakzeptabel, in Anwesenheit ihres Ehemannes gepflegt zu werden. Es ist auf auf Signale wie Verkrampfen oder schamhaftes Verhalten zu achten.
Der Koran
Der Koran ist ein großes, goldenes Buch, das nicht zu übersehen ist. Wenn es während der Pflege im Weg liegt, darf es nicht einfach durch die Pflegekraft weggelegt werden. Es darf auch nicht unterhalb der Hüfte getragen oder mit bloßen (unreinen) Händen angefasst werden – hier empfiehlt es sich, das Buch mit einem sauberen Handtuch o.ä. anzufassen.
Die linke Hand
In muslimisch geprägten Kulturkreisen gilt die linke Hand als Tabuzone. Deshalb sollte die Reinigung im Rahmen der Pflege genau wie das Anreichen von Wasser oder Nahrung ausschließlich mit der rechten Hand geschehen.
Während der Reinigung Gespräche einstellen
Besonders beim Waschen des Intimbereichs einer türkischen Patientin oder eines türkischen Patienten ist es wichtig, als Zeichen des Respekts ruhig zu sein und nicht zu sprechen.
Durchführen der Gebetswaschung (“Abdest” oder “Wudhu”)
Die traditionelle Gebetswaschung lässt sich gut in die Grundpflege der Patientin oder des Patienten einbauen und stellt dabei gleichzeitig die abrechnungsfähige Mobilisation dar. Nähere Informationen zu Bedeutung und Ablauf unter http://de.wikipedia.org/wiki/Wudu%27.
Einer bettlägerigen Person kann dabei einfach eine Schüssel Wasser auf den Schoß gestellt werden. Für das vorgeschriebene “fließende Wasser” kann gesorgt werden, indem die Pflegekraft aus einem Krug Wasser in die Waschschüssel gießt. Wichtig ist, die Arme bis über die Ellbogen zu benässen, da ansonsten gegen die Regeln der Reinigungszeremonie verstoßen wird. Weil Gebete immer in Ausrichtung nach Mekka gesprochen werden, ist diesem Wunsch einer im Rollstuhl sitzenden Person natürlich immer stattzugeben.
Pflege und Geschlecht
Türkische Männer wollen häufig auch nur von einem Mann gepflegt werden. Dies wird zunehmend zu einem Faktor bei der Personalauswahl in multikulturellen Pflegediensten.
Zum Thema “Ernährung”
Lebensmittel jedweder Art sind grundsätzlich mit der rechten Hand anzureichen. Bei Einkäufen ist es ratsam, eine Liste mit Lebensmitteln ohne Schweinegelatine mitzuführen und zu berücksichtigen.
An dieser Stelle berichtete Herr Bilgin von einem Erlebnis in einem Krankenhaus: Ein Mann, der den Verzehr eines Puddings verweigerte, wurde aufwändig auf Schluckstörungen untersucht. Zusätzlich wurde eine Logopädin hinzugezogen. Letzten Endes stellte sich heraus, dass sich der muslimische Mann der Schweinegelatine im Pudding bewusst war und aus diesem (religiösen) Grund verweigerte, den Nachtisch zu sich zu nehmen. Als ihm ein Joghurt angeboten wurde, war das Problem gelöst.
Anhand dieses Beispiels hielt Herr Bilgin ein Plädoyer dafür, wie wichtig es ist, zusammen statt gegeneinander zu arbeiten. Pflegekräfte müssten versuchen zu verstehen, warum Menschen blockieren. Pflege bedeute Eingehen auf die Gefühlswelt der Pflegebedürftigen, so Bilgin. Außerdem mache Dazulernen Spaß, ergänzte er.
Medikamentengabe
In dem üblicherweise verfügbaren Insulin sind Zusatzstoffe mit Schweineinsulin enthalten. Den gleichen Wirkstoff gibt es jedoch auch vom Rind. Hierauf ist zu achten, weil muslimische Patientinnen und Patienten die Medikamenteneinnahme womöglich aus diesem Grund ablehnen, aber aufgrund sprachlicher Hürden nicht entsprechend argumentieren können.
Bilgin wies noch einmal darauf hin, dass Vertrauen grundlegend bei der Inanspruchnahme von Hilfe sei. “Öffnet man eine Tür, kommt man weiter”, bemerkte er. Häufig haben Familien mit Migrationshintergrund Hemmungen vor dem Ausfüllen von deutschen Formularen und sehen deshalb von ihrem Anspruch auf eine Pflegestufe o.ä. ab. “Nur weil der Patient etwas nicht versteht, darf das nicht bedeuten, dass er eine Hilfeleistung nicht nutzen kann!” forderte Bilgin. Er regte die Teilnehmenden an, zum Beispiel beim Besuch des MdK in einer muslimischen Familie bei der Übersetzung zu unterstützen.
Herr Bilgin zeigte den Unterschied zwischen (familiärer) Pflege und professioneller Pflege auf. Er erzählte, dass Familienpflege im Sinne von Fürsorge für die Kranken zwar existiere, die Angehörigen dabei aber häufig selbst an ihre Grenzen stießen. In bestimmten Kulturkreisen herrsche da eine besonders hohe Erwartungshaltung, erinnerte eine Teilnehmerin. Herr Bilgin machte den Teilnehmenden bewusst, dass im Islam sogar eine Verpflichtung zur Pflege vor Allah bestehe. “Wer einen Kranken besucht, besucht mich” hieße es.
In seinem Fazit nahm Bilgin erneut Bezug auf Artikel 1 im Grundgesetz: “Die Würde des Menschen ist unantastbar.” Die Würde des Menschen müsse in der Tat immer Maßstab kultursensibler Pflegeleistungen sein. Dabei gelte es, schwarz-weiß Denken abzulegen, statt dessen in Dialog zu treten und eine Mitte zu finden.



