Sie befinden sich auf den Internetseiten der Demenzkampagne Rheinland-Pfalz



Drucken

Seite durchsuchen zurück zu letzten Seite Seite ausdrucken
 


Inhalt

Gemeinsam - Leben mit Demenz

Speyerer Arbeitsgruppe Demenz fördert die Zusammenarbeit und Vernetzung

Vortrag von Rita Krampitz, 1. Netzwerk-Konferenz Demenz am 21.09.2009

Folienvortrag von Rita Krampitz (Download pdf-Format)

„Wir wollen unser Leben noch nicht beenden“, das war die Aussage eines Mannes mit einer demenziellen Erkrankung, der Kontakt, Rat und Hilfe suchte. Diese Aussage ist bezeichnend, wie die Diagnose Demenz in unserer Gesellschaft aufgefasst wird und was für eine Wirkung die entsprechenden Verhaltensweisen auf Betroffene haben.

Deshalb ist es wichtig, dass alle die mit Menschen mit demenziellen Erkrankungen arbeiten, gemeinsam nach Lösungen suchen.

Dabei soll sich die bessere Zusammenarbeit nicht nur auf Betroffene, Angehörige, Professionelle und Ehrenamtliche beschränken, sondern es geht um eine Bewusstseinsbildung in unserer Gesellschaft. Wir alle sind gefordert. Entsprechend lautet das Motto unserer Arbeitgruppe in Speyer: Gemeinsam – Leben mit Demenz.

Wie ist unsere Arbeitsgruppe Demenz in Speyer entstanden?

Im Juni 2007 fand in Speyer eine Pflegekonferenz zum Thema Demenz statt. Dieser seit 1996 stattfindende, regelmäßige Austausch in den Pflegekonferenzen hat zu einer verbesserten Kommunikation unter den verschiedenen Einrichtungen und zu mehr Offenheit und einer größeren Bereitschaft zur Zusammenarbeit geführt. Wichtige Voraussetzungen, um gemeinsam Lösungen für die künftigen Herausforderungen zu finden.

Im Vorfeld der Konferenz wurden die rund 60 Teilnehmer gebeten, die drei größten Herausforderungen, die sie in der Arbeit mit Menschen mit demenziellen Erkrankungen sehen, zu benennen. Rückmeldungen kamen aus zehn verschiedenen Bereichen.

  • vom Medizinischen Dienst,
  • von einer stationären Einrichtung,
  • von ambulanten Pflegediensten,
  • den Beratungs- und Koordinierungsstellen,
  • der Pflegeleitung eines Krankenhauses,
  • den Grünen Damen
  • von Einrichtungen aus dem Vor- und Umfeld der Pflege,
  • der Ambulanten Hospizhilfe,
  • dem Sozialamt
  • und dem Seniorenbüro.

Alle Antworten zeigten, dass es einen Handlungsbedarf zum Schwerpunktthema Demenz gibt, um Strukturen für eine Verbesserung der Zusammenarbeit und der Lebensqualität der Betroffenen zu schaffen.

Die Vielfalt der Themen, die bei der Befragung genannt wurden, wie zum Beispiel:

  • Mangelnde Unterstützung pflegender Angehöriger
  • Informationsdefizite, bei Angehörigen, Betroffenen und Professionellen
  • Lücken in der medizinischen Versorgung
  • Lücken in der Angebotsstruktur
  • Fortbildungsbedarf für Haut- und Ehrenamtliche
  • Lücken in der Pflegeversicherung

begründeten die Bildung einer eigenen Arbeitsgruppe. Seit August 2007 arbeiten rund 15 Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Arbeitsfeldern, wie z.B. Alten-Pflegeheimen, Pflegestützpunkten, ambulanten Pflegediensten, Krankenhäusern, Grüne Damen, Seniorenbüro am Thema Demenz.

Was hat die Arbeit der Arbeitsgruppe Demenz zusätzlich  unterstützt?

Seit Oktober 2008 ist die Stadt Speyer mit dem Seniorenbüro an dem einjährigen Modellprojekt Pflegestrukturplanung des Landes Rheinland-Pfalz beteiligt. Dieses beinhaltet zwei Teile. Erstens geht es um die Zusammenstellung von Daten und Zahlen zur Nutzerstruktur, Sozialstruktur und Infrastruktur in Zusammenhang mit Pflege und zweitens um die Arbeit an einem Schwerpunktthema. Für die Stadt Speyer lautet dieses „Bewusstseinsbildung für Demenz“. So konnte eine bereits bestehende Arbeitsgruppe, also eine bestehende Struktur zusätzlich in das Modellprojekt eingebunden werden.

Die Verantwortung für die Moderation liegt bei der Kommune bzw. dem Seniorenbüro.

Was wurde bis jetzt bewegt?

Ausgehend von der Vielfalt der Themen, die in der Pflegekonferenz 2007 als Herausforderung gesehen wurden, einigte sich die Arbeitsgruppe darauf, gemeinsam einen Wegweiser zu erstellen. Denn Informationen sind für alle Beteiligten gleichermaßen wichtig. Das Titelbild, das jetzt auch unser Logo für alle Aktivitäten zum Thema Demenz ist, wurde uns von einem Speyerer Künstler zur Verfügung gestellt.

Der Erfolg dieser intensiven Arbeit war:

  • Bestehende Angebote für Menschen mit demenziellen Erkrankungen wurden systematisch erfasst.
  • An Betroffene und Angehörige können nun gezielter Informationen weitergegeben werden.
  • Professionelle können in ihrer Arbeit auf die Inhalte zurückgreifen.

Im Rahmen des Modellprojektes wurden verschiedene Veranstaltungen und Initiativen gestartet, die eine Wirkung auf das gesellschaftliche Leben der Stadt Speyer haben und zur Verbesserung der Zusammenarbeit und Vernetzung beigetragen haben. Neben Vorträgen mit Professor Dörner und Professor Gronemeyer, die beide die Verantwortung von uns allen ansprechen, waren dies zum Beispiel Veranstaltungen, mit neuen Kooperationspartnern.

  • Eine Lesung „Spurensuche im Niemandsland“ mit einem Schauspieler und einer Schriftstellerin, in Zusammenarbeit mit einer Buchhandlung;
  • Veranstaltungen für Angehörige und Menschen mit demenziellen Erkrankungen finden regelmäßig statt. Diese sind so konzipiert, dass nach einem halbstündigen Kulturprogramm ein Austausch in gemütlicher Runde erfolgt. Hier sind die Gespräche mit Angehörigen und Betroffenen wichtig. Das Kulturprogramm wird immer von Künstlern gestaltet. Bislang finden diese Nachmittage im repräsentativsten Raum der Stadt statt. Von kommunaler Seite wird damit die Bedeutung dieser Veranstaltungen untermauert.
  • Ein weiteres Projekt, das neue Kooperationspartner einbezieht, ist eine Zeitungsserie zum Thema Demenz. Bislang wurden sieben umfangreiche Artikel veröffentlicht. Die Serie ist so konzipiert, dass immer Angehörige und Vertreter eines Arbeitsbereiches zu Wort kommen. So wurde in diesem Zusammenhang Demenz auch bei der Polizei und bei Banken thematisiert.
  • Mit der Ausstellung Alzheimer & Kunst, ist es gelungen 22 Speyerer Geschäfte und die Touristen-Information einzubeziehen. In Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Speyer wurde die Ausstellung nicht an zentraler Stelle gezeigt, sondern aufgeteilt und die einzelnen Bilder in verschiedenen Geschäften präsentiert. Dadurch ist es ebenfalls gelungen neue Partner für unsere Anliegen zu interessieren und die weitere Arbeit zu gewinnen. Dass diese Ausstellung so gezeigt werden konnte ist einem Kollegen zu verdanken, dem es mit großem Engagement gelungen ist, die Geschäftswelt dafür zu gewinnen.

Hat unsere Arbeit zu einer Vernetzung geführt?

Die kontinuierliche gemeinsame Arbeit an unserem Wegweiser Gemeinsam – Leben mit Demenz, die über ein Jahr ging und die weitere Zusammenarbeit im Rahmen des Modellprojektes hat, so die Rückmeldung der Kolleginnen und Kollegen, zu einer Vernetzung der Arbeit geführt.

  • Kolleginnen und Kollegen der verschiedenen Arbeitsbereiche lernen sich besser und vor allem persönlich kennen.
  • Der Austausch und die Zusammenarbeit wird dadurch gefördert.
  • Im Arbeitsalltag kommt es zu einer engeren Kooperation. Telefonische Kontakte sind zwischen den Kolleginnen und Kollegen persönlicher. Man kennt sich.
  • Im Gespräch mit Angehörigen und Betroffenen wird die Wirkung der engeren Kooperation zwischen den Professionellen deutlich. Angehörige und Betroffene erhalten das Gefühl nicht hin und hergeschickt zu werden. Sie merken und bekommen die Rückmeldung, dass die Kolleginnen und Kollegen sich untereinander kennen und zusammenarbeiten.  
  • Die Arbeit in der Arbeitsgruppe ermöglicht einen intensiveren Einblick in andere Arbeitsbereiche und ein besseres Verstehen anderer Professionen.
  • Dadurch wird die Vielfalt der Variationen der Verhaltensweisen der Menschen mit demenziellen Erkrankungen deutlich und wie unterschiedlich Angehörige, Pflegepersonal, Ärzte, unsere Gesellschaft insgesamt darauf reagieren.

Die Arbeit der Gruppe hat, wie bereits erwähnt, auch Verbindung zu Kooperationspartner hergestellt, mit denen vorher entweder gar keine Zusammenarbeit oder nur eine geringe bestand. Jetzt ist die Ansprache bei

  • Buchhandlungen
  • Banken
  • Geschäften
  • Künstler
  • Kunstverein
  • Polizei

für weitere Projekte eher möglich.

Welche Bedeutung kommt der Kommune in dieser Arbeit zu?

Wenn es um eine Veränderung des Bewusstseins geht, eine Verbesserung der Versorgungsstruktur und eine Vernetzung der bestehenden Angebote, dann ist die Kommune gefordert. In Speyer hat sie die Aufgabe übernommen:

  • Die Arbeitsgruppe Demenz zu initiieren und zu moderieren;
  • Informationen zu sammeln, Impulse aufzugreifen und selbst Impulse in die Arbeit zu tragen;
  • Gemeinsame Veranstaltungen, Projekte und Initiativen zu koordinieren;
  • Demenz im Sozialausschuss zu thematisieren;
  • Die Kontinuität der Arbeit zu sichern;

Die Kommune gewährleistet die Neutralität, dieser Arbeit und hilft Demenz in die Öffentlichkeit zu tragen. Die neutrale Moderation hat unterschiedliche Träger zusammengeführt und für Projekte eine breite Unterstützung ermöglicht.

Wie geht es weiter?

Die Veränderung des Bewusstseins ist ein langwieriger Prozess. Veränderungen sind dann möglich, wenn über einen langen Zeitraum kontinuierlich am Thema öffentlichkeitswirksam gearbeitet wird. Die Arbeitsgruppe Demenz wird deshalb gemeinsam

  • bestehende Projekte fortsetzen, wie zum Beispiel die Veranstaltungen für Angehörige und Betroffene und neue, wie zum Beispiel Kisten mit Geschichten initiieren.
  • Projekte einzelner Einrichtungen unterstützten, wie zum Beispiel die Schulungen für pflegende Angehörige, die regelmäßig stattfinden oder die neue Initiative des Diakonissen-Stiftungskrankenhauses. Dort wird in einer Reihe des Geriatrischen Zentrums mit der Schulung von Arzthelferinnen begonnen.

Wo wünschen wir uns Unterstützung?

In Speyer hat sich zum Thema Demenz, wie in anderen Kommunen auch, viel bewegt. Das reicht aber noch nicht aus. Es gibt Bereiche, da ist für die Tragfähigkeit eines Netzwerkes, Unterstützung notwendig.

  • Uns ist es zum Beispiel bislang nicht gelungen die Hausärzte in unsere Arbeit einzubeziehen. Aber gerade diese Zusammenarbeit ist sehr wichtig, da sie meist die ersten Ansprechpartner sind, wenn es zu demenziellen Veränderungen kommt.
  • Die Einbeziehung der Betroffenen selbst, das Aufgreifen ihrer Wünsche und Ängste und die Umsetzung in neue Strukturen sind erst ansatzweise in unserer Arbeitsgruppe erfolgt.
  • Demenzielle Erkrankungen treten immer mehr auch bei Menschen mit Migrationshintergrund auf. Uns ist es bisher nur vereinzelt gelungen Informationen in diese Gruppe zu tragen. Wir sind hier auf Multiplikatoren angewiesen, die für uns bislang schwer erreichbar sind. Es gibt Einlegeblätter in Russisch und Türkisch, die auf unseren Wegweiser Demenz hinweisen. Damit haben wir aber noch keine Zusammenarbeit mit diesen Zielgruppen geschaffen.
  • Eine Zusammenarbeit und Vernetzung wird erst dann wirksam, wenn sie in die Gesellschaft hinein reicht. Dazu ist die kontinuierliche Unterstützung der Medien notwendig.
  • Gemeinsam – Leben mit Demenz ist am ehesten im Wohnumfeld zu ermöglichen. Neben der professionellen Versorgung sind Zeit und Zuwendung für die Betroffenen wichtig. Bürgerforen zum Thema Demenz, um eine Vernetzung im Wohnumfeld zu erreichen, ist bei uns bislang nicht realisiert worden.

Was bleibt als wichtige Aussage?

„Eine Familie mit einem Demenzkranken verliert einen Großteil ihres Bekanntenkreises.“ Eine Aussage einer pflegenden Angehörigen, der Sie entnehmen können, dass sich Angehörige einsam und alleingelassen fühlen.

Gemeinsam – Leben mit Demenz gelingt dann, wenn eine Zusammenarbeit und Vernetzung sich nicht nur auf Professionelle konzentriert, sondern alle gesellschaftlichen Bereiche erfasst.

Ria Krampitz